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Anwenderberichte


Mehr als Telemedizin

Auf einer Infoveranstaltung der KV Nordrhein diskutierten Experten und Gäste über die Digitalisierung im Gesundheitswesen – auch aus Patientensicht

Quelle: Dr. Heiko Schmitz / KVNO – Der niedergelassene Mediziner, der per Videosprechstunde seinen Patienten sieht und ihm Empfehlungen zur Therapie gibt. Das Ärzteteam, das per Telekonsil das Know-how eines entfernten Experten zu Rate zieht und einen komplexen Fall bespricht. Der Patient, der mit seiner neuen App auf dem Smartphone unterwegs oder der digitalen Waage zuhause seinen Gesundheitszustand überprüft – und eine elektronische Gesundheitskarte, die endlich ihren Namen verdient und unter anderem Notfalldaten, Medikationsplan oder Organspende-Ausweise speichert: Dies alles sind Mosaiksteine im großen Digitalisierungspuzzle, das auch unsere Gesundheitsversorgung revolutioniert – vor allem dank zunehmender technischer Möglichkeiten, digitaler Datenerfassung und -verarbeitung sowie einer flächendeckenden Vernetzung der Akteure im Gesundheitswesen.

Um all diese Themen und Stichworte ging es bei der jüngsten Informationsveranstaltung für interessierte Bürgerinnen und Bürger der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein am 11. April im Haus der Ärzteschaft in Golzheim, die der aus dem WDR-Fernsehen bekannte „Doc Esser“ alias Dr. Heinz-Wilhelm Esser moderierte. Er stellte sich gleich als „Opfer“ der Digitalisierung vor und präsentierte ein elektronisches Blutzucker-Messgerät, das über eine implantierte Sonde im Oberarm alle zehn Sekunden den Blutzucker misst. „Eine tolle Sache, aber auch bei der Selbstvermessung entstehen schnell Abhängigkeiten von der Technik“, sagte Esser, der als Oberarzt an einem Remscheider Klinikum arbeitet.

Wann ist Technik sinnvoll? Trotz Rheinbahn-Streik waren etliche Besucher gekommen, darunter einige niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, um über Chancen und Risiken der Digitalisierung zu sprechen. Zentrale Ergebnisse der fast zweistündigen Diskussion: „Die“ Digitalisierung gibt es nicht – das Spannungsfeld zwischen „Dr. Google“, Selbstvermessung, Videosprechstunde, Telematik-Infrastruktur und Datenschutz ist weit. Und: Bei aller Technik kommt es auch in Zukunft auf den persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt an – schon allein, um festzustellen, wann technische Hilfsmittel sinnvoll sind. Dr. Roland Tenbrock, niedergelassener Orthopäde aus Düsseldorf, betonte, für den ersten Kontakt zum Patienten die persönliche Begegnung zu brauchen. Im Laufe der Behandlung ihm bekannter Patienten aber könne die Technik die Sache vereinfachen: Patienten sitzen quasi per Tablet mit im Wartezimmer, ohne persönlich anwesend sein zu müssen. Zehn Prozent seiner Patientenkontakte finden schon auf diesem Weg statt. „Pro Chat benötige ich zwei bis drei Minuten – das spart Zeit und die Patienten sind begeistert.“ Tenbrock sieht im Smartphone einen Hebel zur Digitalisierung: „Das haben wir alle schon heute immer dabei. Allerdings brauchen wir für die Anwendung im Gesundheitswesen Leitplanken. Aktuell ist es so, dass einfach genutzt wird, was die Industrie anbietet.“

Fernbehandlungsverbot auf dem Prüfstand Gleichwohl braucht es auch Flexibilisierung – zum Beispiel beim Fernbehandlungsverbot in Deutschland. „Damit wird sich der Deutsche Ärztetag in Kürze beschäftigen“, kündigte Dr. Frank Bergmann an, Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein. Der Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut aus Aachen betonte, dass das Verbot grundsätzlich bestehen bleiben sollte, der

Spielraum für telemedizinische Angebote aber größer werden müsse. Bergmann machte deutlich, dass die technischen Möglichkeiten das eine, ihre Nutzung etwas anderes seien – zum Beispiel bei der neuen Telematik-Infrastruktur, durch die alle Arztpraxen in Deutschland miteinander verbunden werden sollen. „Das sind im Grunde erstmal nur Gleise für den Transport von Daten auf dem zurzeit bestmöglichen Sicherheitsstandard. Entscheidend ist, welche Daten an wen transportiert werden.“

Dass Möglichkeiten und Wirklichkeiten zwei Paar Schuhe sind, zeigte Bergmann auch am Beispiel von „Dr. Google“. „Nicht selten führt die Recherche zu größeren Ängsten, sodass banale Kopfschmerzen Panik auslösen, weil jeder sofort an einen Gehirntumor denkt. Auf der anderen Seite bietet die Vorabinformation auch eine Chance für mehr Therapietreue, weil sich Patienten mehr mit ihrer Erkrankung beschäftigen.“ Dass Patienten bisweilen mit „Halbwissen“ in die Praxis kämen, könne man ihnen auch nicht vorwerfen, sagte Regina Behrendt von der Verbraucherzentrale NRW. „Das Internet ist maximal unübersichtlich. Deshalb brauchen wir Seiten und Anlaufstellen mit geprüften, verlässlichen Informationen.“

Digitalisierung kein Selbstzweck Dafür plädierte auch Dirk Ruiss, Leiter der NRW-Landesvertretung des Verbands der Ersatzkassen (vdek). „Früher haben wir uns über den unmündigen Patienten mit Compliance-Problem beklagt. Der Preis der Freiheit ist, dass wir unbegrenzt an Informationen kommen, deren Qualität man nicht beurteilen kann.“ Dies löse bei vielen Überforderung aus – daher dürfe Digitalisierung kein Selbstzweck sein. „Was wir sicher brauchen, sind die zusätzlichen Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte und Telemedizin“, die allerdings keine Kompensation für den Mangel an Ärzten sein könne: „Sie brauchen auch für die Videosprechstunde ärztliche Kapazitäten.“

Klar ist: Digitale Datensicherung und -aufbereitung haben immenses Potenzial zur Verbesserung der Versorgung, vor allem von chronisch Kranken. „Der Clou ist, dass Informationen nicht mehr zufällig nebeneinander stehen oder übermittelt werden, sondern sinnvoll verknüpft und weitergegeben werden. Auch die elektronische Patientenakte muss mehr als eine Sammlung von Dokumenten sein“, sagte Rainer Beckers, Geschäftsführer des Zentrums für Telematik und Telemedizin in Bochum. Die Frage laute immer: Wofür nutzen wir die Technik? KVNO-Chef Bergmann ergänzte: „Es geht auch um die Frage: Für wen gibt der Patient seine Daten frei?“ Der Patient müsse stets Herr seiner Daten bleiben – aber auch wissen, welches Risiko damit verbunden sei, behandelnde Ärzte daran nicht teilhaben zu lassen.

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Datum:
26.04.2018