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Der eGK werden die Karten gelegt

Bleibt sie oder bleibt sie nicht? Mitten im Rollout mehreren sich Stimmen, die die Zukunft der elektronischen Gesundheitskarte grundsätzlich in Frage stellen.

Man darf dem neuen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zugutehalten, dass er nichts übers Knie brechen will. Bis zum Sommer hat er sich für eine Bestandsaufnahme zur Telematikinfrastruktur Zeit gegeben. Einerseits. Andererseits frohlocken Krankenkassen-Chefs bereits jetzt, dass in Sachen digitales Gesundheitswesen gerade die Karten neu gemischt würden. Der NRW-Sozialpolitiker Karl-Josef Laumann lässt keine Gelegenheit zum eGK-Bashing aus. Und von einer CDU-Parteiveranstaltung in Berlin wird geleakt, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel ihrem Minister im Hinblick auf ein Ende der eGK „freie Hand“ gegeben habe, was auch immer das heißen mag.

Die Frage ist, ob das alles dazu dient, tatsächlich einen kompletten Richtungswechsel herbeizuführen oder ob einfach maximaler Druck auf die Selbstverwaltung ausgeübt werden soll. Die freilich ist an einen gesetzlichen Rahmen gebunden ist, für den sie nur begrenzt etwas kann und der, so wie er im Moment gestrickt ist, die von allen eingeforderten mobilen Zugriffsszenarien stark erschwert. Mit anderen Worten: Es rächt sich gerade, dass das Bundesgesundheitsministerium in der Vergangenheit bei der von vielen Seiten gestellten Frage nach der genauen E-Health-Strategie Deutschlands immer auf das SGB V verwiesen hat, als seien ein paar Zeilen im Paragraph 291 eine Strategie.

Die Wahrheit ist: Wie die Kommunikationsbedürfnisse professioneller Nutzer mit dem Patientenrecht auf Transparenz und dem Patientenwunsch nach Teilhabe am Datenfluss vernünftig in Einklang gebracht werden, darüber hat sich in der deutschen Gesundheitspolitik jenseits des 15 Jahre alten Slogans, wonach selbstverständlich der Patient Herr der Daten sei, einfach noch nie jemand ernsthaft Gedanken gemacht – die Ärzte nicht, die Krankenkassen nicht und die Friedrichstraße auch nicht.

Was im Rahmen der derzeitigen politischen Kartenleserei unterschlagen wird ist, dass es nicht nur darum geht, den Patienten zu mobilisieren, sondern auch darum, die Kommunikation zwischen medizinischen Einrichtungen im Gesundheitswesen zu digitalisieren. Ersteres geht möglicherweise, letzteres sicherlich nicht über ein Bürgerportal. Die Frage ist, wie eine digitale (Akten-)Architektur aussehen könnte, die beiden Bedürfnissen Rechnung trägt.

Ein denkbares Szenario wäre, die medizinische Kernkommunikation inklusive Notfall- und Medikationsdaten unter Einsatz der eGK innerhalb der hoch sicheren Gematik-Infrastruktur abzuwickeln, dort auch das Thema Versorgungsakten anzusiedeln, mit lesendem, aber nicht mobilem Patientenzugriff. Der mobile Zugriff samt App-Anbindungen könnte auf die Ebene von primär von der eGK unabhängigen, komplett freiwilligen, unter vollständiger Patientenhoheit stehenden Gesundheitsakten verlagert werden – außerhalb der medizinischen Infrastruktur, zum Beispiel zugänglich über ein Bürgerportal.

Ein solches Szenario bräuchte eine effiziente, eGK-abhängige, bidirektionale EGA-Schnittstelle in die und aus der Telematikinfrastruktur hinein bzw. heraus. Hauptvorteil dieses Szenarios ist, dass auf maximale Sicherheit im Kernbereich nicht verzichtet werden muss. Gleichzeitig wird das Patientenfach verzichtbar, weil es durch die externe Gesundheitsakte ersetzt wird, was die Komplexität stark reduzieren würde. Klar ist, dass all diese Diskussionen gerade erst beginnen. Endlich.

Text: Philipp Grätzel von Grätz, Chefredakteur E-HEALTH-COM
Bereitgestellt von:
Datum:
14.05.2018